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  Nashörner am Leibniz-Gymnasium   (aus: "Der Bote" vom xx.04.2000)
Die Theatergruppe zeigt, wie aus einen "Anti-Drama" ein Glanzstück wird.


Das Theaterstück "Die Nashörner" von Eugène Ionesco ist für jede Schauspieltruppe eine riesige Herausforderung - nicht nur für Laiendarsteller. Als eines der "Anti-Dramen" des absurden Theaters stellt es hohe Anforderungen an Erfindungsreichtum, Kreativität, Präzision und Selbstbewusstsein aller Beteiligten. Dass diese Voraussetzungen bei der Theatergruppe am Leibniz vorhanden sind, bewies sie eindrucksvoll in den Aufführungen Anfang April. Das Stück: Eine (mittelfränkische?) Kleinstadt wird eines Tages durch das zerstörerische Trampeln eines Nashorns erschüttert, was allerdings nur deshalb etwas ungewöhnliches darstellt, da doch die Pest alle Tiere des Zoos schon vor Jahren dahinraffte. So leidet der Angestellte Behringer (in einer Doppelbesetzung gespielt von Konstantin Voigt bzw. Thomas Bonn) zunächst auch eher am irdischen Dasein an sich. Erst als die Rhinozeritis langsam um sich greift, in seinen Büroalltag einbricht, und er schließlich Zeuge der grausamen Verwandlung seines Freundes Hans (Johannes Romig/Angela Ott) in ein Rhinozeros wird, erwacht sein verzweifelter Widerstand. Er versucht, wenigstens sich und seine Kollegin Daisy vor der Metamorphose in eine "neue, freie Individualität" zu bewahren und mit ihr die alte Welt fortleben zu lassen. - paradiesische Zustände (?), die sich jedoch nicht erfüllen. Er bleibt allein zurück - mit einem ungewissen Schicksal.

Alle hervorragend besetzten Darsteller zeigten unter der Regie von OStRin Petra Vetter ein ausdrucksstarkes, diszipliniertes Spiel. Ohne Ausnahme ermöglichten sie es den Zuschauern, jene im ersten Teil der Aufführung noch unsichtbaren Nashörner an ihren erstarrten Minen und Gestalten abzulesen, durch Mimik, Gestik und Sprechweise die Absurdität und Bedrohlichkeit der Szenerie zu vermitteln. Als die Nashörner im zweiten Teil der Aufführung immer öfter und lauter durch die Zuschauerreihen und über die Bühne stapfen und in ihren pastellfarbigen Kostümen sowie den mit spitzen Fingern gehaltenen Bändern Neuankömmlinge aufsammeln, nimmt die Intensität der Darstellung keinesweg ab. Aus diesem Grund erscheint es fast als Beleidigung für die sogenannten "Nebenrollen", die den "großen" Charakteren in nichts nachstanden, aus dem hochklassigen Ensemble einzelne Personen herauszugreifen. Die Notwendigkeit dieses Frevels ergibt sich dennoch schon allein aus der Tatsache, dass Ionescos Vorlage durch die Doppelbesetzung in zwei recht unterschiedlichen Varianten zu sehen war. Dort wo Voigt/Romig von Anfang an mit ihrem eindringlichen Spiel eine düster-depressive Atmosphäre kreieren und die Verzweiflung sofort auch vom Zuschauer Besitz ergreift, dringen bei Bonn/Ott sanftere Töne an die Oberfläche. Thomas Bonn stellt seinen Behringer noch eher als Teil der "normalen" Welt dar, weniger als Außenseiter und so kommt dieser Version die humorvolle Seite der Tragikomödie stärker zu Vorschein. Da von diesem lebhafteren und hoffnungsvolleren Spiel auch die übrigen Schauspieler angesteckt werden, wirkt die Rhinozeritis hier vielleicht etwas weniger apokalyptisch, aber genauso ernsthaft und mitreißend. Die verharmlosenden "letzten menschlichen Worte" der hinreißenden (weil das Typische herausstellenden) Ex-Lehrerin Frau Wisser / Anne Merklein: "Man muss mit der Zeit gehen" sowie die Kapitulation der wunderbar "blonden" Doreen Habicht als Daisy können und wollen über die nachdenkliche Botschaft dieses Stückes über Entmenschlichung und Ent-Individualisierung ohnehin nicht hinwegtäuschen. Während diese beiden darüberhinaus den verfremdenden Sprechstil am ausdauendsten umsetzten, bewies Dominique Schaefer als Stech dagegen besonders nach der Pause sein schauspielerisches Talent, er konnte die eindeutige Körpersprache durch klarere Mimik und Sprache ergänzen.

Fasziniernde Spielelemente wie etwa eine Wechselrede zwischen Behringer und Hans auf der einen und den äußerst überzeugenden Moritz Pompl und Manuel Schweiger auf der anderen (logischen) Seite, die auseinander triftet un dann wieder in gleichlautenden Sätzen Entsprechungen findet, gelangen in beiden Versionen hervorragend. Nicht nur solche Szenen lassen das Ausmaß der Probenarbeit wie auch den Grad der Genauigkeit und des Einsatzwillen aller Beteiligten zumindest erahnen.

Nicht vergessen werden darf der Einsatz der Gruppe in den wichtigen Bereichen der Requisite, Kostüme etc., wobei auch hier das Multitalent K.Voigt mit seinem Bühnenbild und der Begleitmusik keinen bloßen Hintergrund schuf, sondern unaufdringliche und daher um so wirkungsvollere Effekte ermöglichte. Alle am Stück beteiligten (darunter die bisher aus Platzgründen noch unerwähnt gebliebenen Charlotte Ahlswede, Verena Engelhardt, Corinna Friedrich, Claudia Gaertner, Katharina Hierl, Barbara Hoffmann, Frieder Nagel, Swantje Paprotta, Nina Stückler, Magdalena Vetter, Ulla Wittenzellner, Eva Zitta sowie die unermüdlichen Helfer hinter, vor und über der Bühne) konnten sich am Ende der Aufführungen ihren Applaus abholen, den sie sich duch eine herausragende Gemeinschaftsleistung wirklich verdient hatten.


 
last update : 01.05.2018
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