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ALTDORF - "Fast alle sterben an ihren Arzneien, nicht an ihren Krankheiten." So wird der Protagonist in "Der eingebildete Kranke" belehrt. Fast jeder hat schon einmal von dem Hypochonder aus Molières Komödie gehört, nun bot die Theater-Gruppe des Leibniz-Gymnasiums die Gelegenheit, das Stück auf der Bühne zu sehen.
Seit 1983 gibt es Theater am Leibniz. Trotz der ständig wechselnden Besetzung gelang es dem Team unter Leitung von Petra Vetter, die Qualität der Inszenierungen im Laufe der Jahre konstant zu steigern, was es heuer mit den Aufführungen von Molières "Der eingebildete Kranke" eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Nachdem im letzten Jahr mit Hugo von Hoffmansthals "Jedermann" ernstere Töne angeschlagen worden waren, bemühte das Leibniz-Theater für die laufende Produktion die bekannte Komödie des 1622 als Jean-Baptiste Poquelin geborenen französischen Schauspielers, Theaterdirektors und Dramatikers.
"Le Malade imaginaire" war, 1673 uraufgeführt, ironischerweise das letzte Stück des todkranken Molière. Bei der vierten Aufführung erlitt er in der Rolle des Hypochonders Argan einen Schwächeanfall und verstarb wenige Stunden später.
Bei der Premiere der Aufführungen am Leibniz-Gymnasium zeigte Julian Peters (K13) in der Hauptrolle, dass sich der eingebildete Kranke auch dann überzeugend verkörpern lässt, wenn der Schauspieler selbst kerngesund ist. Peters stöhnte und jammerte auf der Bühne so Mitleid erregend und überzeugend, dass Dr. Helmut Martin, der stellvertretende Schulleiter des Leibniz, während der Aufführung bemerkte: "Der wird sofort vom Unterricht befreit!"
Auch der Rest der Truppe bot eine verblüffend professionelle schauspielerische Leistung. Regisseurin Petra Vetter fiel wie in den letzten Jahren wieder die schwierige Aufgabe zu, einer großen Zahl an theaterbegeisterten Schülern eine passende Rolle zuzuweisen. Letztes Jahr löste man das Problem, indem man kurzerhand die Hauptrolle des "Jedermanns" auf zehn "Jedermänner" aufteilte; dieses Jahr entschied man sich dazu, viele der Nebenrollen doppelt zu besetzen und an den vier Spieltagen abwechselnd zum Zuge kommen zu lassen. So entstanden zwei verschiedene, nach Angaben der Mitwirkenden jedoch qualitativ ausgeglichene Besetzungen, die dem Zuschauer ein äußerst unterhaltsames Theatererlebnis auf hohem Niveau boten.
Zur Handlung:
Argan (Peters) ist der Prototyp des Hypochonders. Die Liste seiner vermeintlichen Wehwehchen ist endlos und kommt ihn teuer zu stehen - die Ärzte nutzen seinen Wahn schamlos aus und verschreiben dem eingebildeten Kranken allerlei Arzneien, Spülungen und Kuren. Auch Argans junge Frau Béline (Susi Samson, K13, bzw. Susanne Hübner, 11b) weiß sich den Zustand ihres Gatten zunutze zu machen - durch geheucheltes Mitleid und scheinheilige Fürsorge erhofft sie sich ein sattes Erbe.
Seine Familie aber leidet unter seinen Eigenheiten, allen voran seine Tochter Angélique (Anja Sieber, 10e, bzw. Isabelle Tambakis, 10e), die der Alte lieber mit einem angehenden Arzt als mit ihrer wahren Liebe verheiratet sähe.
Erst mit Hilfe seiner Zofe Toinette (Eva-Maria Jonas, K13, bzw. Magdalena Mock, 11d), die der elenden Angélique eine Zwangsheirat ersparen will, wird Argan seiner Egozentrik und der Verlogenheit seiner Frau gewahr: Auf ihren Vorschlag hin stellt er sich einfach tot.
Weil seine Gattin beim Anblick des Totgeglaubten ihr wahres Gesicht zeigt und sich ob des vermeintlichen Erbes die Hände reibt, wohingegen seine Tochter ehrliche Tränen um ihren Vater weint, wird erstere kurzerhand aus dem Haus gejagt und zweitere einsichtig dem wahren Verehrer Cléante (Benedikt Stengel, K13) versprochen.
Das Leibniz-Theater verzichtete bewusst auf eine aktualisierende Inszenierung der durchaus zeitgemäßen Thematik der "teuren" Krankheiten, vielmehr unterstrich die originalgetreue Umsetzung und die traditionelle Kostümierung die bizarre Eigenart des "eingebildeten Kranken". Gleiches gilt für die - wie im Jahr zuvor von Steffen Murau (K13) komponierte - Musik, die die satirisch-komische Atmosphäre des Dargebotenen effektvoll nachzeichnete.
All dies, die schauspielerische Leistung, die überzeugende Inszenierung und die gekonnte licht- und tontechnische Begleitung, ließen den Zuschauer für einen Moment vergessen, dass er sich in der Vorführung einer Schultheatergruppe befand - zu routiniert und professionell präsentierten sich die Gymnasiasten zur Premiere - womit die Gruppe ein weiteres Mal ihrem Ruf als außergewöhnliches Schultheater gerecht wurde.
Wer sich persönlich davon überzeugen möchte, hat am Dienstag und Mittwoch, 21.3., und 22.3., jeweils um 20 Uhr im Leibniz-Gymnasium noch die Gelegenheit die Produktion zu sehen.
Kilian Spandler
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