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Helden wie du und ich Nibelungenlied in moderner Version am Leibniz-Gymnasium aus "Der Bote" vom 24.03.2010
Es ist ein gutes Zeichen, wenn es einer Aufführung gelingt, die Zuschauer mitfiebern und mitleiden zu lassen, obwohl sie den Inhalt des Stücks bereits kennen. Man weiß, was in der Handlung passieren wird, und weiß, welches Ende auf die Figuren wartet. Man weiß, dass die Nibelungensage kein gnädiges Schicksal für ihre Charaktere bereithält. Schließlich gibt es da das Lindenblatt, den verräterischen Gürtel und jede Menge verletzten Stolz. Und trotzden sitzt man in der Aufführung und hofft, dass es diese eine Mal ja vielleicht doch für die Figuren gut ausgehen möge. Dann hat eine Inszenierung alles richtig gemacht. Das Nibelungenlied: Epos aus dem 13. Jahrhundert, von einem unbekannten Autor verfasst und in der damaligen Volkssprache Mittelhochdeutsch geschrieben, ist wahrscheinlich die bekannteste Heldensage im deutschsprachigen Raum. Sie erzählt die Geschichte vom Streit der beiden Königinnen Brünhild und Kriemhild. Die isländische Herrscherin Brünhild will nur dann die Ehe eingehen, wenn sich ein Bewerber als stärker als sie selbst erweist. König Gunther, Herrscher am Hof zu Worms, würde nur zu gerne der zukünftige Gatte sein. Schwach wie er ist, muss er auf eine List zurückgreifen, um die Angebetete zu gewinnen. Er schickt den jungen Recken Siegfried vor, damit dieser heimlich an seine Stelle tritt und für ihn Brünhild besiegt. Zum Dank verspricht Gunther ihm die Hand seiner Schwester Kriemhild. Als Jahre später der Schwindel auffliegt, entbrennt zwischen den Frauen ein bitterer Machtkampf, der letztlich alle ins Verderben stürzen wird. Für ihre Adaption hat die Theatergruppe des Leibniz-Gymnasiums die Erzählung vom Staub der Jahrhunderte befreit. Mythologischer Ballast wurde abgeworfen, die germanischen Sagengestalten von ihrem Heldenpodest geholt. Die Schüler zeigten Respekt vor der Geschichte - aber zum Glück keine Ehrfurcht. Herausgekommen ist dabei ein Lügen- und Intigenspiel, das zugleich Spaß macht und wohl dosiert schaudern lässt. Unter der Leitung von Petra Vetter und Walter Flintsch haben die Schüler das Epos mit Leben erfüllt. Sie versetzten sich in die Figuren, machen sie für sich und das Publikum greifbar und schaffen es so ganz nebenbei, die mittelalterliche Sage in der Gegenwart ankommen zu lassen. Die jungen Mimen entlocken den Heldenfiguren ihre Menschlichkeit. Mit dem Ergebnis: Man sympathisiert mit den Charakteren, ihre Motive und Handlungsweisen werden nachvollziehbar. Es erscheinen Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen, die für ihre Schwächen letztlich bluten müssen. Auf einmal braucht die Sage keinen Drachen, keine Zwerge und auch keinen Schatz im Rhein mehr um zu fesseln. Man merkt was die Geschichte vorantreibt, ist das immer enger werdende Geflecht aus Ränken, verletztem Stolz, Neid, Hass, Treue, Verrat und Liebe. Am Wormser Königshof ist also von den "helden lobebaeren", in heutiger Sprache den rühmenswerten Helden, nicht viel übriggeblieben. König Gunther (Sebastian Kögel) gefällt sich in seiner Gemütlichkeit. In einem Herrschergewand, das sich auf den zweiten Blick als Morgenmantel und Jogginghose entpuppt, knabbert er zufrieden sein Knäckebrot. Wohingegen sich sein Vasall Hagen (Felix Röser) mit einer Mafiosi-Attitüde staatsmännischer gibt als er selbst. Recke Siegfried (Simon Reuter) strotzt nur vor jugendlicher Überheblichkeit. Bis zu dem Moment, als ihn ein einziger Gruß seiner Zukünftigen völlig aus dem Konzept bringt. Und auch das "vil edel magedin" von dereinst, das sehr adlelige Mädchen, vergisst recht schnell seine gute Erziehung. Krimhild (Kyra Göbel / Brigitte Middlemiss) ist getrieben von der Idee, etwas in der Welt zu bewegen - koste es was es wolle. Während Brünhild (Alena Fraaß) hinter ihrer unterkühlten Fassade verzweifelt versucht ihr Glück zu finden. Ab der ersten Begegnung der beiden Frauen steht fest: Hier haben sich zwei ebenbürtige Gegnerinnen gefunden. Es wird intrigiert und gezickt, dass scheinbar harmlose Komplimente als wüstes Wortgefecht um die Ohren fliegen. All das vor eine Kulisse, in der vor schwarzen Wänden immer wieder die Farbe Blutrot auftaucht, wie ein Symbol für die Gefühle von Liebe und Zorn. Die Musik meist ein langsames Geigenspiel, manchmal begleitet von Pauken. Das Archaische der mittelalterlichen Sagenwelt hat sich in moderner reduzierter Gestalt in die Atmosphäre des Stücks hinübergerettet. "Lieben und Sterben in Burgund" ist eine Eigenproduktion des Leibniz-Theaters. Das Nibelungenlied diente als Vorlage, Dialoge wurden daraus abgeleitet und die Sprache in die Jetztzeit übersetzt. Seit Herbst vergangenen Jahres war die gut 20 Schüler und Schülerinnen starke Gruppe mit den Vorbereitungen vor und hinter den Kulissen beschäftigt. Noch einmal wird das Stück zu sehen sein: am 24.März, um 20 Uhr im Leibniz-Gymnasium. Karten gibt es an der Abendkasse und die Erkenntnis nach dem Stück, dass Weltliteratur - wenn sie richtig verstanden wird - auch noch nach Jahrhunderten fesselt. FIONA PRÖLL
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| last update : 01.05.2018 | |||||||||||||||
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