Die dürren Fakten aus dem Nibelungenlied sind zumindest umrisshaft Teil unseres Bildungsgutes und gehören zu unserem - nicht immer von Missbrauch unbelasteten - ‚germanischen' Bewusstsein:
Siegfried, Königssohn aus Xanten am Rhein, gilt, nachdem er den vom Zwerg Alberich bewahrten Schatz der Nibelungen gefunden und im Blut des von ihm getöteten Drachen gebadet hat, als reicher und unbezwingbarer Recke.
Sein Weg führt ihn nach Worms, wo er um die schöne burgundische Königstochter Kriemhild wirbt. Deren Bruder, König Gunther, verspricht ihm die Hand seiner Schwester. Vorausgesetzt, dass Siegfried, verborgen unter einer Tarnkappe, seine sagenhaften Kräfte Gunther zur Verfügung stellt. Der braucht sie, um im Wettbewerb mit der viel gerühmten, Männer mordenden Brünhild auf Island zu dominieren.
Ein zweites Mal kommt die Tarnkappe zum Einsatz in der Hochzeitsnacht der beiden königlichen Paare, als es Gunther zunächst nicht gelingt, Brünhilds Stolz zu brechen. Auch hier bezwingt Siegfried Brünhild in Gunthers Auftrag und nimmt ihr zum Zeichen seines "Siegs" den Gürtel - magisches Symbol ihrer Stärke - ab. Unbedacht überlässt er ihn Kriemhild als Geschenk.
Aus weiblicher Eitelkeit setzt diese das unheilvolle Beweisstück für das schmachvolle männliche Komplott Jahre später ein, als sie im Streit damit ihren Vorrang gegenüber ihrer Schwägerin zu belegen versucht.
Hagen, Kriemhilds ehemaliger Vertrauter und mächtigster Vasall des Königs, sieht nur einen Ausweg aus dem schwelenden Konflikt. Er plant mittels einer List - Siegfried ist nur an der berühmten Lindenblatt-Stelle verwundbar! - dessen Ermordung.
Mit dem Vollzug dieses Plans endet der "Siegfried-Teil" des alten Nibelungen-Mythos um den Niedergang des Burgunderreichs.
Stoff genug für ein Drama, das sich mit der billigen Floskel von "sex, crime and action" zufrieden geben könnte. Weit mehr interessiert es uns aber, das Zusammen- und Ränkespiel zu beleuchten, über einige Akzentverschiebungen in seinen zentralen Figuren zu reflektieren und das auch heute noch Nachvollziehbare in ihrem Denken, Fühlen und Handeln dabei zu entdecken.
Denn zahllose Fragen tun sich beim vorbehaltlosen Lesen des alten Sagenstoffs auf:
Ist dieser Siegfried wirklich der strahlende Held, der tragische Gutmensch, der den bösen Intrigen seines neidischen und nachtragenden Umfelds zum Opfer fällt?
Inszeniert Hagen, landläufig die düsterste Figur in diesem Komplott, seine Rache aus purer Böswilligkeit? Aus Lust an der List? Oder gar aus Eifersucht um die Vorrangstellung in der Gunst Gunthers? Ignoriert er schlichtweg, welche Dienste der Recke aus Xanten dem Herrscher erwies?
Ist Kriemhild nur die lebenslustige "Zicke", die die ernste, archaisch anmutende Brünhild vorführen und ihr den Rang streitig machen will? Und stellt die sich nicht außerhalb jedes ethisch vertretbaren Rahmens mit den Auflagen für ihre Partnerwahl?
Und nicht zuletzt - wo in diesem Macht-/Ohnmachtgeflecht des wohlhabenden und saturierten Königreiches Burgund ist König Gunther anzusiedeln?
Eines ist jedenfalls offensichtlich - hier werden nicht vertrocknete, papierene Figuren verhandelt, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken, aber vor allem auch deutlichen Schwächen, die sie zugänglich machen bei aller historischen Distanz. Und immer wieder entlockt uns ihre Entlarvung dabei ein Lächeln und wir fühlen uns ihnen ganz nah.
P.V.